100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erinnern hunderte von Projekten in Europa an die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan), die innerhalb von vier Jahren 17 Millionen Menschen das Leben kostete.
Auch das Braunschweigische Landesmuseum entwickelte ein eigenes Projekt, dessen Ergebnisse vom 1. August 2014 bis zum 25. Januar 2015 die Sonderausstellung „1914 … Schrecklich kriegerische Zeiten“ präsentiert. Die Ausstellung, die mit 950 m² Fläche und rund 690 Exponaten zu den Großprojekten in Deutschland zählt, ist der zweite Teil einer Braunschweiger Ausstellungsfolge zum 20. Jahrhundert, die im Jahr 2013 mit der Schau „1913 …. Herrlich moderne Zeiten“ ihren Auftakt nahm.
„Die Ausstellung bringt uns die Schrecken des Krieges am Beispiel von Menschenschicksalen in unserer Region nahe und ist damit schrecklich aktuell“, sagt die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Gabriele Heinen-Kljajić. „Die Kriege von heute und ihre unzähligen Opfer dominieren die täglichen Nachrichten. Sich mit dem 1. Weltkrieg auseinanderzusetzen hilft uns zu verstehen, wie sich ein weltumspannender Krieg entwickeln kann. Wir wollen vor allem junge Menschen für das Thema Krieg und seine Folgen für jeden Einzelnen sensibilisieren, auch das kann ein Beitrag zur Sicherung des Friedens sein“, betonte Heinen-Kljajić.
Drei Besonderheiten zeichnen die Braunschweiger 1914-Ausstellung aus:
Im Mittelpunkt der einzelnen Kriegsjahre stehen unbekannte Soldaten aus dem Braunschweiger Land. Anhand ihrer Schicksale und Erlebnisse rollt der erste Teil der Sonderausstellung das historische Geschehen auf, das mit den Kriegserklärungen der fünf europäischen Großmächte Großbritannien, dem Deutschen Reich, Frankreich, Österreich-Ungarn und Russland im August des Jahres 1914 seinen Anfang nahm. In Szene gesetzt durch einen nachempfundenen Schützengraben, verdeutlichen Exponate wie Maschinengewehre, Granaten, Giftgasbehälter oder von Soldaten selbst gefertigte Giftgas-Melder die neue Dimension eines Krieges, der als erster industriell geführter Massenkrieg in die Geschichte einging. Die Schützengraben-Inszenierung mit einem vom Staatlichen Naturhistorischen Museum geschaffenen Diorama vermittelt einen unmittelbaren Raumeindruck vom grausamen und zermürbenden Alltag an der Front. Feldpostbriefe und Tagebücher, Fotografien und Zeichnungen, Orden und Erinnerungsstücke zeigen den persönlichen Blick von Zeitgenossen auf eine kriegerische Welt, die die Biographien ganzer Generationen prägte. Parallel zum Kriegsgeschehen wirft die Ausstellung immer auch einen Blick auf die Situation in der Heimat, vor allem auf die Versorgungslage der Zivilbevölkerung, auf die eilig eingerichteten Lazarette sowie auf die Situation der Kriegsgefangenen.
„Erinnern – Gedenken – Instrumentalisieren – Versöhnen“ sind die Schlagworte für den zweiten Teil der Ausstellung, der sich mit den Auswirkungen des Krieges in den folgenden Jahrzehnten befasst. Hier zeigen Biographien bekannter, aber auch unbekannter Persönlichkeiten, wie unterschiedlich sich der Erste Weltkrieg auf den individuellen Lebensweg und das politische Handeln eines Einzelnen auswirken konnte. Objekte wie Fotoalben, aber auch Kuriositäten, wie zu Brieföffnern umfunktionierte Granatensplitter oder aus Bajonetten gearbeitete Kerzenständer, beleuchten eine Erinnerungskultur an den Großen Krieg. Bereits seit 1914 war die Bestattung der Kriegstoten Legitimation und Ausgangspunkt der historischen Bewertung des Krieges und der Tod der Soldaten von Beginn an instrumentalisiert. Auch auf dem Braunschweiger Ehrenfriedhof, wie ein ausgestelltes Modell zeigt, sind die Gefallenen als „Helden“ stilisiert.
Neben der Kriegsgräberkultur der 1920er Jahre werden auch aktuelle Projekte im digitalen Bereich aus ganz Europa thematisiert. Der letzte Ausstellungsraum konfrontiert den Besucher mit der sich seit den späten 1990er Jahren entwickelnden „Weltkriegsarchäologie“ und einem ganz handfesten und ökologischen Problem, das heute noch vor allem an der ehemaligen Süd- und Westfront ständig an den „Grande Guerre“ erinnert: die Hinterlassenschaften des Ersten Weltkrieges, die durch verwüstete, oft noch mit scharfer Munition (etwa 500 Tonnen pro Jahr) kontaminierte Landschaften immer noch ganze Landstriche zeichnen.
Zur Ausstellung lädt ein Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Führungen und Exkursionen ein. Hier werden u.a. zeitgenössische Literatur und Denkmäler der Gedenkkultur vorgestellt.